Die Heckschnärre – Nürtingens geheimnisvolles Wappentier

(hena) Jeder der nach Nürtingen kommt, schaut sich bald das Rathaus genauer an. Die Front zur Marktstraße bietet dem Betrachter interessante Einblicke in die Stadtgeschichte.

Weiter oben im Uhrengiebel das Stadtwappen selbst, mit dem roten Hifthorn, das auf Urach verweist, darüber die schwarze württembergische Hirschstange und darunter die blaue Raute der Teck. Auf der anderen Seite der Uhr das altwürttembergische Wappen mit den Hirschstangen und den Farben Schwarz und Rot.

Aber da ist dann noch etwas: Über der Uhr steht ein Vogel in einer Nische.

Warum und wann kam dieser Vogel an diese alles überragende Stelle im Uhrengiebel des Rathauses?

Erst später wurde mir klar, dass dieser schnärrende Vogel – die Heckschnärre – beim Umbau des Rathauses zwischen 1936 und 1938 geschaffen  und an seinen Platz gestellt worden sein musste.

Wie die Idee zum Ei der Heckschnärre entstand

Um dies erklären zu können, müssen wir uns in die damalige Zeit zurückversetzen.Am Anfang der 80-er Jahre dachten wir in der Nürtinger SPD darüber nach, wie Bürger dieser Stadt mehr Unterstützung bei ihren Bemühungen für unsere Stadt, namentlich für die Erhaltung der Altstadt, bekommen könnten. Die Stimmung  in der Stadt war nicht gut. Der Steinerne Bau war noch Ende der 60-er Jahre abgerissen worden. Mit dem Leitplan Innenstadt  wollte die Stadtverwaltung in den 70-er Jahre einen inneren Ring in Nürtingen für den Autoverkehr schaffen. Die Marktstraße mit dem Durchbruch zum Kührain war dazu auserkoren und natürlich die Kirchstraße. Schließlich konnte dies verhindert werden, nicht zuletzt durch die Gründung der BAIS, der Bürgeraktion Innenstadt. Es konnte die Einrichtung der Fußgängerzone durchgesetzt werden. Die SPD-Fraktion hatte dies bereits  ab 1971 beantragt.

In den Weihnachtsferien 1983 blätterte ich im „Tierfreund“, einer Zeitschrift für Kinder. Dabei stieß ich auf einen Artikel über einen Wachtelvögel. Und über die Heckschnärre: „Hoch aufgerichtet verteidigt sie ihr Revier.“ An dieser Stelle hatte ich blitzartig die Idee. Die Heckschnärre hat ihr (unser) Revier verteidigt. Wer tut das heute?

Ich griff Minuten später zum Telefonhörer und rief den Siegfried Dorner an: “Siggi, wir könnten doch einen Fasnetsorden verleihen. Irgend etwas mit der Heckschnärre. Die hat doch früher unser Revier verteidigt. Jetzt müssen wir das machen. Einen Heckschnärren-Orden. Denk mal drüber nach“. Der Siggi schreit ins Telefon: “Noi, noi, noi, des Oi, des Oi, des Oi!“ Das „Ei“ also. Ich stand auf der Leitung. Ich brauchte einige Sekunden bis ich begriff. Das war’s! Der Siggi rief bei der Gundel Beck an, berichtete von meiner Idee, auch von seinem Vorschlag. Sie hatte gleich die passende Idee: “Eier sind gut, aber dann auch ins Nest legen zum Brüten!“ Da hatten wir innerhalb von wenigen Minuten unseren “Preis“.

Die Verleihungsformel und das Ritual

Ich setzte mich hin und schrieb. In  einer Stunde war das Konzept fertig. Es gilt bis heute: “Warum die Heckschnärre uns verlassen hat, das ist nicht schwer zu erraten. Sie hat am Neckarufer gelebt, im trocken Röhricht, auf Wiesen und auf Feldwegen, in Getreidefeldern. Wir haben ziemlich viel zugebaut, trockengelegt, ihren Lebensraum unzulässig eingeengt, bis ihr Ruf verstummte. Hoch aufgerichtet verteidigte das Männchen sein Revier. Wer tut dies aber heute?  Wer verteidigt unser Revier am Neckar?  Die Heckschnärre kann es nicht mehr! Wir müssen es selbst tun! Und wir müssen unsere Sinne schärfen, um dies besser tun zu können.

Dies Ei der Heckschnärr’ soll nicht zuletzt Mut machen, damit mehr Menschen hoch aufgerichtet unser Revier verteidigen. Es hat aber noch etwas besonderes auf sich mit den EI. Derjenige, der das EI bekommt, darf auch brüten, deshalb liefern wir das Kissen mit. Wie wir inzwischen wissen, will die Heckschnärre jedes Jahr ein Ei legen. Wir werden dieses eine EI jedes Jahr weitergeben. Und zwar solange, bis es dem ersten, der dieses EI unter seine Fittiche bekommen hat, gelingt , eine Heckschnärre ausschlüpfen zu lassen.

 Warum das Ei am Aschermittwoch verliehen wird

Viele von uns ärgerten sich schon lange über die um sich greifende Unart politischer Parteien in sogenannten Aschermittwochsreden den politischen Gegner  vorführen zu wollen.

Wir wollten mindestens in Nürtingen eine andere Tradition begründen. Mit der Idee, das “Ei“ zu verleihen, kam deshalb auch sofort der Aschermittwoch  ins Blickfeld. Lobpreisen und ehren, das wollten wir an diesem Tage und zwar die ausgewählten Brüter und Brüterinnen. Wir mussten ihnen auch Mut zum Brüten machen, Mut zu weiterem Engagement. Dies geschah alles lange bevor das Wort Bürgerengagement zum Modewort wurde.

2019 wird das „Ei“ zum 35. Male vergeben, und zwar an den Kunstschaffenden Andreas Mayer-Brennenstuhl.

 

Liste der Preisträger und ihrer Preisredner

Jahr Preisträger Laudatoren
1984 Jürgen Gerrmann Siegfried Dorner und Helmut Nauendorf
1985 Dr.Ulrich Schweizer Helmut Nauendorf
1986 Otto Zondler Pit Schäffer
1987 Karl- Heinz Türk Gundula Beck
1988 Roland Appl Herbert Herold
1989 Rose Steinbuch Harry Steigele
1990 Peter Härtling Jürgen Gerrmann und Reinmar Wipper
1991 Kein Ei verliehen  
1992 Lothar Neitzel Hildegard Zürn-Müller und Helmut Nauendorf
1993 Hannes Wezel Jürgen Gerrmann und Pit Schäffer
1994 Robert Bauer Herbert Herold und Helmut Nauendorf
1995 Dr. Siegfried Haag Barbara Dürr und Helmut Nauendorf
1996 Rose Lorch Heidrun Theiner und Helmut Nauendorf
1997 Werner Mehlhorn Volker Fouque und Helmut Nauendorf
1998 Erwin Beck Bärbel Kehl- Maurer und Helmut Nauendorf
1999 Wolfgang Ischinger Jürgen Gerrmann und Helmut Nauendorf
2000 Ruth Rau Bärbel Kehl-Maurer und Sieglinde Hartmann
2001 Walter Wahl Eva Wetzel und

Bernhard Puf

2002 Nürtinger Weltladen

Frauenteam: Helga Hahn, Eva Kuby, Rose  Kohlhammer, Waltraud Müller, Paula Röllig

Bärbel Kehl-Maurer und Eva Wetzel
2003 Guido Wolf Gerda Haug und Helmut Nauendorf
2004 Johanna Herpich Bärbel Kehl-Maurer und Susanne Ackermann
2005 Hans Binder Prof. Dr. Ernst Waldemar Bauer, Heidrun Theiner und Helmut Nauendorf
2006 Julia Rieger und Pit Lohse Helmut Bürger , Bärbel Kehl Maurer
2007 Ruhsar Aydogan

 

Felicitas Wehner, Hannes Wezel, Guido Wolf
2008 Ottmar Braune Alfred Bachofer, Rainer Reichhold, Klaus Seeger
2009

 

Club Kuckucksei Roland Knapp, Sebastian Osswald, Manuel Grass
2010

 

Dr. Uschi Eid Franz Untersteller
2011

 

Helmut Kuby Reinmar Wipper
2012

 

Karl-Heinz Frey Franz Untersteller

Umweltminister

2013 Gebrüder Heller Dr. Nils Schmid

Wirtschatsminister BW

2014 Netzwerk Asyl Sabine Wölfle

Landtagsabg. SPD

2015 Gisela Fleck Rolf Wenhardt
2016 Manuel Werner Gisela Erler

Staatssekretärin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung

2017 Sven Simon / Thomas Oser Bernhard Wiesmeier

Politikwiss./Abt.-Leiter vhs Esslingen

2018 Sigrid Emmert Dr. Thomas Schnabel

Leiter Haus d. Geschichte, Stuttgart

2019 Andreas

Mayer-Brennenstuhl

Michael Gompf, Vorsitzender im Kunstverein Nürtingen
2020